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Hauptling Seattle
Autor: trudi
Datum: 20.02.09 12:18 Uhr
 

Hauptling Seattle

 

Die folgende Rede richtete Häuptling Seattle im Jahre 1855 an den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Ein lesenswertes historisches Dokument mit erschütternder Aktualität, zeitloser Weisheit und tief berührender Wahrheit. Denn Seattles Worte sind wie die Sterne...


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Meine Worte sind wie die Sterne

Der Himmel, der seit jeher Tränen des Mitleids auf mein Volk geweint hat, und der uns unwandelbar und ewig erscheint, kann sich ändern. Heute ist er klar. Morgen vielleicht ist er mit Wolken üderdeckt. Meine Worte sind wie die Sterne, die sich nie ändern.

Was immer Seattle sagt, der grosse Häuptling in Washington kann sich darauf verlassen, so sicher, wie er sich auf die Wiederkehr der Jahreszeiten verlassen kann.

Der grosse Häuptling in Washington sendet Nachricht, dass er unser Land zu kaufen wünscht. Er sendet uns auch Worte der Freundschaft und des guten Willens.

Das ist freundlich von ihm, denn wir wissen: er bedarf unserer Freundschaft und des guten Willens.

Das ist freundlich von ihm, denn wir wissen: er bedarf unserer Freundschaft nicht.

Aber wir werden sein Angebot bedenken, denn wir wissen: wenn wir nicht verkaufen, kommt vielleicht der weisse Mann mit Gewehren und nimmt sich unser Land.

Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen, oder die Wärme der Erde? Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen - wie könnt ihr sie von uns kaufen?

Wir werden unsere Entscheidung treffen.

Wir sind ein Teil der Erde
Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volke heilig. Jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. Der Saft, der in den Bäumen steigt, trägt die Erinnerung des roten Mannes.

Die Toten der Weissen vergessen das Land ihrer Geburt wenn sie fortgehen, um unter den Sternen zu wandeln. Unsere Toten vergessen diese wunderbare Erde nie - denn sie ist des roten Mannes Mutter.

Wir sind ein Teil der Erde - und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der grosse Adler - sie sind unsere Brüder. Die felsigen Höhen, die saftigen Wiesen, die Körperwärme der Ponys - und des Menschen - sie alle gehören zur gleichen Familie.

Wenn also der grosse Häuptling in Washington uns Nachricht sendet, dass er unser Land zu kaufen wünscht, so verlangt er viel von uns.

Bald werdet ihr das ganze Land überschwemmen
Der grosse Häuptling teilt uns mit, dass er uns einen Platz gibt, wo wir angenehm und für uns leben können. Er wird unser Vater sein und wir seine Kinder. Aber kann er das jemals sein?

Eurer Gott ist nicht unser Gott, Euer Gott liebt euer Volk und hasst meines. Er lässt euer Volk stärker werden Tag für Tag. Bald werdet ihr das ganze Land überschwemmen, wie Flüsse Schluchten hinabstürzen nach einem unerwarteten Regen. Mein Volk ist wie eine ebbende Gezeit, aber ohne Wiederkehr. Wie können wir da Brüder sein?

Wenn wir einen gemeinsamen himmlischen Vater haben, so muss er parteiisch sein, denn er kam zu seinen bleichgesichtigen Kindern. Wir haben ihn nie gesehen. Eure Gesetze wurden geschrieben auf steinerne Tafeln mit dem eisernen Finger eures Gottes, so dass ihr sie nicht vergessen konntet. Der rote Mann konnte sie weder erfassen geschweige denn behalten.

Unsere Religion ist die Überlieferung unserer Ahnen, die Träume unsere alten Männer, die ihnen in den feierlichen Stunden der Nacht vom Grossen Geheimnis, dem Grossen Geist, eingegeben werden, uns sie ist in die Herzen unseres Volkes geschrieben.

Nein, wir sind verschiedene Rassen. Unsere Kinder spielen nicht zusammen, und unsere Alten erzählen andere Geschichten.

Wir erfreuen uns an diesen Wäldern
Euer Gott ist euch gut gesonnen, und wir sind die Waisen.

Wir werden euer Angebot unser Land zu kaufen, bedenken. Dies wird nicht leicht sein, denn dieses Land ist uns heilig. Wir erfreuen uns an diesen Wäldern. Ich weiss nicht - unsere Art ist anders als die eure.

Glänzendes Wasser in Bächen und Flüssen
Glänzendes Wasser, das sich in Bächen und Flüssen bewegt, ist nicht nur Wasser, sondern das Blut unserer Vorfahren.

Wenn wir euch Land verkaufen, so müsst ihr wissen, dass es heilig ist, und dass jede flüchtige Spiegelung im klaren Wasser der Seen von Ereignissen und Überlieferungen aus dem Leben meines Volkes erzählt.

Das Murmeln des Wassers ist die Stimme meiner Vorväter und Vormütter.

Die Flüsse sind unsere Brüder
Die Flüsse sind unsere Brüder. Sie stillen unseren Durst. Die Flüsse tragen unsere Kanus und nähren unsere Kinder.

Wenn wir unser Land verkaufen, so müsst ihr euch daran erinnern und eure Kinder lehren:

Die Flüsse sind unsere Brüder - und eure. Und ihr müsst von nun an den Flüssen eure Güte geben, so wie jedem anderen Bruder auch.

Die roten Menschen zogen sich immer zurück vor dem eindringenden weissen Mann, so wie der Frühnebel in den Bergen vor der Morgensonne weicht. Aber die Asche unserer Väter und Mütter ist heilig, ihre Ruhestätten sind geweihter Boden, und so sind diese Hügel, diese Bäume, dieser Teil der Erde von uns geweiht.

Sein Hunger wird die Erde verschlingen
Wir wissen, dass der weisse Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil der Erde ist ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er braucht.

Die Erde ist sein Bruder nicht, sondern Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er weiter. Er lässt die Gräber seiner Väter zurück - und kümmert sich nicht. Seiner Väter Gräber und seiner Kinder Geburtsrecht sind vergessen.

Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Vater, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als die Wüste.

Unsere Art ist anders
Ich weiss nicht - unsere Art ist anders als die eure. Der Anblick eurer Städte schmerzt die Augen des roten Mannes. Das Geklapper scheint unsere Ohren nur zu beleidigen.

Vielleicht, weil ich ein Wilder bin - und nicht verstehe.

Es gibt keine Stille in den Städten der Weissen. Keinen Ort, um das Entfalten der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten. Was gibt es schon im Leben, wenn man nicht den einsamen Schrei des Ziegenmelkervogels hören kann, oder das Gestreite der Frösche am Teich bei Nacht.

Ich bin ein roter Mann und verstehe euch nicht. Der Indianer mag das sanfte Geräusch des Windes, der über eine Teichhälfte streicht - und den Geruch des Windes, gereinigt vom Mittagsregen oder schwer vom Duft der Kiefern.

Die Luft ist kostbar für den roten Mann, denn alle Dinge teilen denselben Atem: das Tier, der Baum, der Mensch - sie alle teilen denselben Atem.

Der weisse Mann scheint die Luft, die er atmet, nicht zu bemerken. Wie ein Mensch, der seit vielen Tagen stirbt, ist er abgestumpft gegen den Gestank.

Aber wenn wir euch unser Land verkaufen, dürft ihr nicht vergessen, dass die Luft uns kostbar ist - dass die Luft ihren Geist teilt mit all dem Leben, das sie erhält.

Der Wind und die Tiere
Der Wind gab unseren Vätern und Müttern den ersten Atem und empfängt ihren letzten. Und er Wind muss auch unseren Kindern den Lebensgeist geben.

Und wenn wir euch unser Land verkaufen, so müsst ihr es als ein Besonderes und Geweihtes schätzen, als einen Ort, wo auch der weisse Mann spürt, dass der Wind süss duftet von den Wiesenblumen.

Das Ansinnen, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken.

Und wenn wir uns entschliessen, anzunehmen, so nur unter einer Bedingung:

Der weisse Mann muss die Tiere des Landes behandeln wie seine Brüder.

Ich bin ein Wilder und verstehe es nicht anders. Ich habe tausende verrottende Büffel gesehen, vom weissen Mann zurückgelassen, erschossen aus einem vorüberfahrenden Zug.

Ich bin ein Wilder und kann nicht verstehen, wie das qualmende Eisenpferd wichtiger sein soll als ein Büffel, den wir nur töten, um am Leben zu bleiben.

Was die Erde befällt
Was wäre der Mensch ohne die Tiere? Wären alle Tiere fort, so stürbe der Mensch an grosser Einsamkeit des Geistes.

Was immer den Tieren geschieht, geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne und Töchter der Erde.

Lehrt Eure Kinder, was wir unseren Kindern lehrten:

Die Erde ist unsere Mutter.

Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne und Töchter der Erde. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespeien sie sich selbst.

Denn das wissen wir:

Die Erde gehört nicht den Menschen - der Mensch gehört zur Erde.

Das wissen wir.

Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint.

Alles ist verbunden.

Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne und Töchter der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser.

Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selbst an.

Nein, Tag und Nacht können nicht zusammen leben.

Seele im Wind
Unsere Verstorbenen leben fort in den süssen Flüssen der Erde, kehren wieder mit des Frühlings leisem Schritt, und es ist ihre Seele im Wind, der die Oberfläche der Teiche kräuselt.

Aber mein Volk fragt
Das Ansinnen des weissen Mannes, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken. Aber mein Volk fragt: was denn will der weisse Mann kaufen?

Wie kann man den Himmel oder die Wärme der Erde kaufen, oder die Schnelligkeit der Antilope? Wie können wir euch diese Dinge verkaufen, und wie könnt ihr sie kaufen?

Könnt ihr denn mit der Erde tun, was ihr wollt, nur weil der rote Mann ein Stück Papier unterzeichnet und es dem weissen Manne gibt?

Wenn wir nicht die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers besitzen - wie könnt ihr sie von uns kaufen?

Könnt ihr Büffel zurückkaufen, wenn der letzte getotet ist?

Wir werden euer Angebot bedenken. Wir wissen: wenn wir nicht verkaufen, kommt wahrscheinlich der weisse Mann mit Waffen und nimmt sich unser Land.

Aber wir sind "Wilde". Der weisse Mann, vorübergehend im Besitze der Macht, glaubt, er sei schon der Grosse Geist, dem die Erde gehört.

Wie kann ein Mensch seine Mutter besitzen?

Wir werden euer Angebot überdenken. Tag und Nacht können nicht zusammen leben. Wir werden euer Angebot bedenken, in das Reservat zu gehen. Wir werden abseits und in Frieden leben.

Es ist unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Unsere Kinder sahen ihre Väter gedemütigt und besiegt. Unsere Kinder wurden beschämt. Nach Niederlagen verbringen sie ihre Tage müssig, vergiften ihre Körper mit süsser Speise und starkem Trunk.

Es ist unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Es sind nicht mehr viele. Noch wenige Stunden, ein paar Winter, und kein Kind der grossen Stämme, die einst in diesem Lande lebten oder jetzt in kleinen Gruppen durch die Wälder streifen, wird mehr übrig sein, um an den Gräbern eines Volkes zu trauern, das einst so stark und voller Hoffnung war wie das eure.

Was soll ich trauern
Aber was soll ich trauern über den Untergang meines Volkes? Völker bestehen aus Menschen, nichts anderem. Menschen kommen und gehen, wie die Wellen im Meer.

Die Zeit eures Verfalls mag fern sein...aber sie wird kommen. Denn auch der weisse Mann, dessen Gott mit ihm wandelt und redet wie Freund zu Freund, kann dem gemeinsamen Schicksal nicht entgehen. Vielleicht sind wir am Ende doch alle Brüder. Wir werden sehen.

Eines wissen wir, dass der weisse Mann vielleicht eines Tages erst entdeckt: Schöpfer allen Lebens ist die alles umfassende, geheimnisvolle Macht.

Ihr denkt vielleicht, dass ihr sie besitzt, so wie ihr unser Land zu besitzen trachtet. Aber das könnt ihr nicht. Alles Leben ist Verkörperung dieser geheimnisvollen Kraft und die Erde zu verletzen heisst, diese Kraft zu verachten.

Auch die Weissen werden vergehen
Auch die Weissen werden vergehen, eher vielleicht als alle anderen Stämme. Fahret fort, euer Bett zu verseuchen, und eines Nachts werdet ihr im eigenen Abfall ersticken.

Aber in eurem Untergang werdet ihr hell strahlen, angefeuert von der Stärke des Gottes, der euch in dieses Land brachte und euch bestimmte, über dieses Land und den roten Menschen zu herrschen. Diese Bestimmung ist ein Rätsel.

Wenn die Büffel alle geschlachtet sind, die wilden Pferde gezähmt, die heimlichen Winkel des Waldes schwer vom Geruch vieler Menschen, und der Anblick reifer Hügel geschändet von redenden Drähten:

Wo ist das Dickicht? Fort!

Wo ist der Adler? Fort!

Und was bedeutet es, Abschied zu nehmen vom schnellen Pony und der Jagd: das Ende des Lebens - und den Beginn des Überlebens.

Vielleicht könnten wir es verstehen
Euer Gott gebot euch Herrschaft über die Tiere, die Wälder und den roten Menschen aus einem besonderen Grund. Doch, dieser Grund ist uns ein Rätsel.

Vielleicht könnten wir es verstehen, wenn wir wüssten, wovon der weisse Mann träumt - welche Hoffnungen er seinen Kindern an langen Windterabenden schildert, und welche Visionen er in ihre Vorstellungen brennt, so dass sie sich nach einem Morgen sehnen.

Aber wir sind Wilde. Die Träume des weissen Mannes sind uns verborgen. Und weil sie uns verborgen sind, werden wir unsere eigenen Wege gehen.

Denn vor Allem schätzen wir das Recht eines jeden Menschen, so zu leben, wie er selber es wünscht, gleich, wie verschieden von seinen Brüdern er ist.

Da ist nicht viel, was uns verbindet.

Wir werden euer Angebot bedenken. Wenn wir zustimmen, so nur, um das Reservat zu sichern, das ihr uns versprochen habt. Dort vielleicht können wir unsere kurzen Tage auf unsere Weise verbringen.

Wenn der letzte Indianer verschwunden ist
Wenn der letzte Indianer verschwunden ist, wenn die Erinnerung an mein Volk nur noch eine Legende beim weissen Mann sein wird, werden diese Ufer voll sein von den unsichtbaren Verstorbenen meines Volkes.

Wenn die Kinder eurer Kinder sich allein glauben auf dem Feld, im Geschäft, auf dem Highway, oder in der Stille der weglosen Wälder - werden sie nicht allein sein.

Nachts, wenn die Strassen eurer Städte und Dörfer still sind und ihr sie verlassen glaubt, werden sich in ihnen die zurückgekehrten Scharen derer drängen, die einst dieses schöne Land bewohnten und liebten.

Der weisse Mann wird nie allein sein.

Der weisse Mann soll mein Volk mit Gerechtigkeit und Ehrlichkeit behandeln, denn die Toten sind nicht ohne Macht...

Sagte ich - die Toten?

Es gibt keinen Tod - nur einen Wechsel der Welten.

Selbst der weisse Mann kann dem gemeinsamen Schicksal nicht entgehen. Vielleicht sind wir am Ende doch Brüder - wir werden sehen ...


(Der Stamm von Häuptling Seattle, die Duwamish, ist ausgestorben...)
 
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